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Arbeitsschutzmanagement (2/6)- Vorteile eines AMS

Artikel-Übersicht


  1. Einführung
  2. Vorteile eines AMS
  3. Entscheidung zum AMS
  4. Schritte zur Einführung
  5. Fragenkatalog zur Bestandsaufnahme
  6. Ausblick und Quellen

Autor | Dipl. Ing Mathias Glawe,
ist Sicherheitsingenieur und verantwortlich für die Bereiche Arbeitsschutzmanagement und SiGe-Planung.

Mit einem geeigneten Managementsystem als Ausdruck eines organisierten betrieblichen Arbeitsschutzes kann sich der Unternehmer mehrere Vorteile verschaffen:

Rechtssicherheit

Der oftmals arg strapazierte Begriff der Rechtssicherheit hat in Bezug auf die betriebliche Arbeitsschutzorganisation seine Berechtigung. Nach dem Arbeitsschutzgesetz ist der Unternehmer für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz seiner Beschäftigten bei der Arbeit verantwortlich. In kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) stehen ihm dafür, anders als in großen Unternehmen, keine eigenständigen betrieblichen Organisationseinheiten zur Verfügung. Die Vielzahl der geltenden und sich derzeit stark ändernden Arbeitsschutzvorschriften machen es einem Unternehmer fast unmöglich, den Überblick über die für seinen Betrieb zutreffenden Regelungen zu behalten.

Außerdem wurden im Rahmen der europäischen Harmonisierung des Arbeitsschutzrechtes konkrete Regeln durch allgemein formulierte Schutzziele ersetzt, die nun von jedem einzelnen Unternehmen zu konkretisieren sind.Diese, von der Wirtschaft geforderte Deregulierung, die sich in vielen Bereichen nur noch auf europäische Mindestvorgaben bezieht, hat aber zur Folge, dass die Eigenverantwortung des Unternehmers erheblich gestiegen ist. Schutzmaßnahmen sind nicht mehr auf Grundlage verbindlicher Werte, sondern als Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung für die betrieblichen Tätigkeiten zu treffen. Der Unternehmer muss sich also seine eigenen Regeln innerhalb des gesetzlichen Rahmens setzen. Hieran wird die Verantwortung und die Haftung der Firmeninhaber und der Führungskräfte gemessen werden.

Das Arbeitsschutzmanagement, dessen Kernbestandteil u.a. die Gefährdungsbeurteilung ist, bildet somit den geeigneten Rahmen, um so die vorgegebenen Schutzziele zu erreichen.

Wirtschaftlichkeit

Zwischen Arbeitsschutz und Qualität, Effektivität und Wirtschaftlichkeit besteht ein enger Zusammenhang. Forschungen und Fallstudien haben ergeben, dass Investitionen in Sicherheit und Gesundheitsschutz eine Leistungssteigerung bei Unternehmen bewirken [2]. Insbesondere für kleine Unternehmen können Arbeitsunfälle einen großen finanziellen Schaden bedeuten. Ein Teil dieser Kosten, beispielsweise für Fehlzeiten am Arbeitsplatz oder Umsatzeinbußen, ist offensichtlich und kann leicht in Geldwerten ausgedrückt werden. Ein Großteil der wirtschaftlichen Folgen ist jedoch nicht sofort erkennbar und daher nur schwer messbar. Deshalb müssen Unternehmen sich nicht nur über diese Kosten im Klaren sein, sondern auch die Vorteile kennen, die ein angemessenes Vorgehen im Bereich Sicherheit und Gesundheitsschutz mit sich bringt. Ein effizientes Arbeitsschutzmanagement ist eng mit unternehmerischer Excellence und Rentabilität verbunden.

Auftragsbeschaffung

In den letzten Jahren ist verstärkt zu beobachten, dass Auftraggeber ihre Organisationsverantwortung sehr ernst nehmen und Aufträge nur an Firmen vergeben, die ein Arbeitsschutzmanagement nachweisen können. In den Unternehmen der Mineralölindustrie ist z.B. das Sicherheits Certifikat Contraktoren (SCC) Voraussetzung für die Ausführung von Leistungen. Dabei liegen die Gründe für die Auftraggeber auf der Hand: Das eigene, hohe Arbeitsschutzniveau der Mineralölindustrie kann auf die Auftragnehmer übertragen werden. Dadurch können die Kosten beider Vertragspartner gesenkt werden, da die Zeiten des störungsfreien Betriebs steigen, die Unfallhäufigkeit reduziert wird und aufwendige Auditierungen entfallen. Außerdem werden Verständigungsschwierigkeiten zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer durch vergleichbare Managementsysteme vermieden[3]. In anderen Industriezweigen ist dieses Vorgehen noch nicht so ausgeprägt, doch die Entwicklungen gehen in diese Richtung.

Effektivere Beratung durch Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Betriebsärzte

Ein Arbeitsschutzmanagement ist das ideale Organisationsinstrument für die Arbeit der Fachkraft für Arbeitssicherheit und den Betriebsarzt. Die Beratungstätigkeit vollzieht sich mit einem für die jeweilige Branche spezialisiertem AMS-Handbuch auf einem höheren Niveau. Die erforderlichen Dokumente und Prozessbeschreibungen sind bereits vorhanden und systematisiert. Auditergebnisse ermöglichen es, flexibel Prioritäten in der Arbeit zu setzen. Die Fachleute vervollständigen und qualifizieren schrittweise die bestehende Datenlage. Das bedeutet eine enorme Arbeitserleichterung.

Organisatorische Erleichterungen

Ein wesentlicher Vorteil im Rahmen der Einführung eines Arbeitsschutzmanagements besteht insbesondere in KMU darin, dass nun ein zentraler Ordner zur Verfügung steht, der es erlaubt, alle Vorgänge, die den Arbeitsschutz betreffen, strukturiert abzulegen. Das nutzt insbesondere dann, wenn z.B. Qualifikationsnachweise kurzfristig benötigt werden, um einem Auftraggeber die erforderliche Fachkunde der Beschäftigten nachzuweisen. Ein AMS ermöglicht außerdem wesentlich einfacher die Rückverfolgbarkeit bei Qualitätsabweichungen und Korrekturmaßnahmen.

Vorteile bei Überprüfungen

Mit einem funktionierenden Arbeitsschutzmanagement besteht auch bei Betriebsüberprüfungen durch die staatlichen Aufsichtsbehörden oder Berufsgenossenschaften grundsätzlich kein Anlass zur Sorge. In einigen Regionen Deutschlands verzichten die Aufsichtspersonen auf umfangreiche Betriebsbegehungen zugunsten einer Systemprüfung. Unternehmen mit eingeführtem Managementsystem sind dann Teil von Arbeitsschutz–Allianzen oder –Partnerschaften.

In verschiedenen Bundesländern wurde ein System qualitätsgesicherter Kontrolle der betrieblichen Arbeitsschutzorganisation eingeführt, so z.B. durch das Landesamt für Verbraucherschutz als zuständiger Aufsichtsbehörde für den Arbeitsschutz in Sachsen-Anhalt. „Die neue Strategie der Aufsicht gründet auf der gesicherten Erkenntnis, dass das betriebliche Arbeitsschutzniveau von der Art und Qualität der betrieblichen Organisation zur Erfüllung der verschiedenen Rechtsvorschriften und Forderungen im Arbeitsschutz abhängt. Aufsicht soll sich zukünftig − neben der Aufdeckung einzelner Arbeitsschutzmängel − auf die Arbeitsschutzorganisationen in Unternehmen hinsichtlich ihrer Beschaffenheit, Zweckmäßigkeit und Güte sowie ihrer praktischen betrieblichen Umsetzung und Wirksamkeit konzentrieren.

Neben der grundsätzlichen Frage nach dem Aufbau oder des Vorhandenseins und des Wirkens von Managementsystemen, speziell Arbeitsschutzmanagementsystemen, im Betrieb, werden durch die Aufsichtsbeamten u. a. folgende Fragen in einem vorgegebenen Erfassungsbogen einer Bewertung unterzogen:

  1. Ist Arbeitsschutz erklärtes Unternehmensziel?
  2. Erfüllt der Unternehmer seine Aufgaben nach den Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes?
  3. Hat der Unternehmer die notwendigen organisatorischen Festlegungen und Weisungen im Arbeitsschutz getroffen?
  4. Erfolgt im Unternehmen eine sachgerechte Pflichtenübertragung?
  5. Stellt der Unternehmer die notwendigen Mittel für den Arbeitsschutz bereit?
  6. Ist die Unterweisung der Beschäftigten und ihre Mitwirkung im Unternehmen gewährleistet?
  7. Hat der Unternehmer die Arbeitsbedingungen in seinem Betrieb beurteilt und das dokumentiert?
  8. Werden die Aufgaben nach dem Arbeitssicherheitsgesetz und der BGV A2 erfüllt?

Der Aufsichtsbeamte muss am Ende seiner Revision in jedem Einzelfall situationsgerecht unter Abwägung der gegebenenfalls vorgefundenen Defizite an stichprobenartig ausgewählten Arbeitsplätzen, der bewerteten Antworten auf die vorgegebenen Fragen und nach Sichtung der betrieblichen Dokumente sowie Beurteilung weiterer Auskünfte des/der Betriebsverantwortlichen eine skalierte “Abschlusszensur” von (-2, -1, 0 bis +1, +2) vergeben. Im Ergebnis teilt der Aufsichtsbeamte dem verantwortlichen Unternehmer mit, welche Aufsichtsfrequenz und −tiefe das Unternehmen zukünftig von der Behörde erwarten muss oder kann und mit welchem Verwaltungshandeln er unter Umständen rechnen muss.

Die Methodik der Kontrollen wird jedem Unternehmer zeigen, dass ohne betriebliche Systematisierung künftig Arbeitsschutz nicht organisiert werden kann.“ [4]

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